Mehr Vertrauen ins System, September 2010
In den letzten Wochen konnten wir es wieder einmal in aller Ausführlichkeit am Stammtisch, in der Migros vor der Sporthalle oder am Mittagstisch hören wie unglaublich falsch die Polizei die Verhaftung des Rentners in Biel angepackt hat.
Die Medien haben tapfer mitgewirkt und die Schweiz war sich einmal einig wie nach dem Sieg der Schweizer Fussballer über den nachmaligen Weltmeister Spanien nicht mehr.
Der schwierige Mitbürger ist inzwischen hinter Schloss und Riegel, Hund Faro der grosse Held hoffentlich mit einem Cervelatsring belohnt, und die richtige Aufarbeitung der Abläufe kann jetzt beginnen.
Ich will damit in keiner Art und Weise behaupten, dass alles in letzter Perfektion geklappt hat und keine Fehler passiert sind. Es ist sogar davon auszugehen, dass zumindest die Veröffentlichung des falschen Fotos nicht nur peinlich, sondern wirklich unglaublich unprofessionell war.
Trotzdem lösen die Kommentare und Berichte der letzten Wochen bei mir ein ganz ungutes Gefühl aus. Hätten wir als Bürgerinnen und Bürger aber auch als Medienschaffende nicht besser daran getan, der Polizei und den Entscheidträgern in dieser belastenden Situation den Rücken zu stärken und Ihnen für den immensen Einsatz zu danken?
Waren wir uns zu irgend einem Zeitpunkt bewusst, dass auch Männer und Frauen der Spezialeinheiten Familienväter oder gar Mütter sind, die unter Einsatz ihres Lebens; unter Berücksichtigung aller gesetzlichen Bestimmungen versuchen ihre Aufgabe so gut wie möglich zu lösen.
Selbstverständlich ist es Aufgabe der Medien auf Missstände und Fehler in unserem gesellschaftlichen System hinzuweisen. Selbstverständlich muss geklärt werden warum ein "alter Mann" eine ganze Spezialeinheit übertölpeln kann um dann tagelang Katz und Maus zu spielen.
Für mich als Person des öffentlichen Interesses ist unbestritten, dass unser Tun und Handeln vom Parlament hinterfragt und von der Öffentlichkeit kritisch kommentiert werden darf. Gerade in diesem speziellen Fall stellt sich mir aber auch die Frage, ob wir uns wirklich bewusst sind wie belastend solche Fragen für die direkt Betroffenen mitten in der Situation sind.
Wir sind darauf angewiesen, dass Männer und Frauen in schwierigen Situationen bereit sind Verantwortung zu übernehmen und die Entscheide, die gefällt werden, auch durchziehen. Wir alle erwarten von der Polizei und den Behörden, besonders von einer Spezialeinheit, dass sie sich genau an die Buchstaben des Gesetzes halten, dass die von uns gewählten Parlamentarierinnen und Parlamentarier ausgearbeitet haben.
Wir alle erwarten, dass die Polizei schnell und entschieden eingreift wenn wir uns bedroht fühlen, aber bitte nicht, wenn ich mein Auto gerade ganz kurz im Parkverbot abgestellt habe. Wir alle wünschen uns Polizistinnen und Polizisten mit Augenmass und Sinn für Verhältnismässigkeit wenn sie unser Verhalten im Verkehr beobachten aber ärgern uns dann darüber wenn der gleiche Polizist nicht merkt, dass alle anderen zu schnell fahren.
Ich denke wir fahren gut in unserem Land, mit unserem System, das in einem breiten Konsens Gesetze ausarbeitet, umsetzt und kontrolliert. Es würde sich wahrscheinlich lohnen diesem System auch das entsprechende Vertrauen entgegenzubringen und zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Schritte zu machen.
Ohne Frage müssen die Vorkommnisse in Biel kritisch hinterfragt und überprüft werden. Ganz ohne Zweifel müssen daraus auch Lehren für die Zukunft gezogen werden aber irgendwann gehört für mich auch ein Dank an all die Männer und Frauen die diese belastende Situation an der Front durchgestanden haben.