Die richtigen Spieler, Juli 2010
Ich verstehe gar nichts von Fussball und trotzdem habe auch ich die Abende der letzten Wochen vor dem Fernseher verbracht. Mit viel Herzklopfen für die Schweizer, mit sehr viel Begeisterung für die südamerikanischen Mannschaften und einigem Erstaunen über das Chaos der Franzosen. Mit Bewunderung für die Deutsche Auswahl und deren Trainer, die ohne ihren Star Michael Balack und einer geschlossenen Mannschaftsleistung in den Halbfinal vorgedrungen sind.
Ich habe in diesen Tagen gelernt, dass zu einer starken Mannschaftsleistung nicht 11 Stars, sondern die richtigen Spieler auf der richtigen Position wichtig sind. Eine Horde viel verdienender, talentierter Alphatiere führt höchstens ins Chaos aber nicht zum Pokal. Diese Erkenntnis trifft wohl nicht nur auf den Fussball zu.
Ende November 2010 haben wir in Steffisburg wie auch in der Stadt Thun Gemeindewahlen. Auch hier werden Mannschaften neu zusammengestellt oder wieder aufgeboten.
Am Wahltag bestimmt der Bürger und die Bürgerin unserer Wohngemeinde wie ihre Mannschaft für die nächsten 4 Jahre aussieht. Im Gegensatz zur Nationalmannschaft wissen die Spielerinnen und Spieler am Wahltag nicht wann und wie sie an ihre Belastungsgrenzen herangeführt werden und welche Herausforderungen sie genau erwartet. Im Gegensatz zum Fussball bestimmt kein Trainer wie sein Team aussieht.
Der Gemeindepräsident oder das Stadtpräsidium sind höchstens Spielertrainer, die zusätzliche Aufgaben erfüllen und nach bestem Wissen versuchen Mitspielerinnen und Mitspieler zu coachen. Wie im Fussball dienen Mitspielerinnen und Mitspieler ohne Teamgeist dem Ganzen wenig und können zur Belastung werden. Gefragt ist an beiden Orten die Bereitschaft zu einem grossen Engagement nach dem Motto hart in der Sache, anständig im Umgang.
Anders als im Fussball arbeiten Politikerinnen und Politiker in einem Exekutivamt weniger für die Medien und die Tribüne, sondern vor allem hinter verschlossenen Türen um anschliessend als Kollegialbehörde gegen Aussen aufzutreten. Wir lesen und hören heute fast täglich was herauskommt, wenn ein politisches Gremium nach anderen Kriterien funktioniert.
Auch im Bundesrat wird sehr viel wertvolle Arbeit geleistet, was allerdings gegen Aussen durchdringt ist ein zerstrittener Haufen von Alphatieren. Wäre unser Bundesrat meine Schulleitung, ich würde dieser sofort eine Supervision verordnen und das wohl am Besten als Überlebenswoche in einer abgelegenen Berghütte. Selbstverständlich nicht ohne vorher die nötige Kreditgenehmigung durch den Gemeinderat.
Ich bin davon überzeugt, dass auch in einer sich verändernden Parteienlandschaft die Wählerinnen und Wähler vor allem ein gut funktionierendes Gremium zusammenstellen. Selbstverständlich braucht es dazu verschiedene Kopfformen und unterschiedliche Hutgrössen, aber vor allem braucht es Frauen und Männer, die bereit sind über den Parteigrenzen zu stehen, Lösungen zu suchen und mit viel Einsatz am Karren ziehen. So erlebe ich es seit über fünf Jahren in verschiedener Zusamensetzung in unserem Gemeinderat.
Im Fussball wie auch in der Politik darf der Kampf um den Ball durchaus hart geführt werden, als Mitglieder des Gemeinderates sind wir immer auch Departementsvorsteherinnen und Departementsvorsteher, die ihre Aufgaben möglichst gut machen wollen. Dass hier Reibungsflächen entstehen ist gut. Aus Reibung entsteht Energie und diese bringt uns weiter, öffnet den Blickwinkel und macht erfinderisch. Ob im Fussball oder in der Politik geht hin und wieder einmal ein Tritt neben den Ball ans Schienbein. Wenn das Grundklima stimmt, sind diese Blessuren nach wenigen Tagen verheilt und vergessen.
Mit dieser Kolumne verabschiede ich mich bis nach den Wahlen von Ihnen und hoffe, dass allfällige Blessuren schnell verheilen oder mindestens lehrreich sind und warte gespannt wie Sie als Wählerinnen und Wähler die Mannschaften 2011- 2015 in Steffisburg und Thun zusammenstellen.